e-mex neue musik ensemble

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« China | 18.-20. 03. 2011
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Evelin Degen, Flöte
Joachim Striepens, Klarinette
Burkart Zeller, Violoncello
Martin von der Heydt, Klavier


gefördert durch:
Federal Foreign Office / Goethe Insitut






 



 
Asien-Tournee. China

18.-20. 2011
Peking
Galerie Yishu-8 | Central Conservatory


e-mex ensemble Beijing 2011

Ein Reisebericht


15.03.

Die Vorbereitungen zu unserer Tournee werden leider überschattet von dem schrecklichen Erdbeben in Japan mit seinen fürchterlichen Folgen. Für uns stellt sich noch am Abreisetag die Frage, ob wir es überhaupt riskieren sollen, in dieser Situation in die Nähe des Unglücks zu fliegen. Erst am Flughafen in Frankfurt fällt nach längerem hin und her die Entscheidung für den Flug. Der relativ große Abstand von Beijing zu Japan von gut 2.000 km scheint das Risiko kalkulierbar zu machen, und wir gewinnen eine Woche Zeit, bis wir uns für den Weiterflug nach Seoul entscheiden müssten.
So machen sich also die vier Musiker des e-mex ensembles, Evelin Degen (Flöte), Joachim Striepens (Klarinette), Burkart Zeller (Violoncello) und Martin von der Heydt (Klavier), auf den Weg in eine der bedeutensten Metropolen Asiens.
Wie würden wir dort mit viel zeitgenössischer Musik und auch ein wenig klassischer im Gepäck empfangen werden?


16.03.

Nach einem ruhigen Flug in dem neuen, riesigen Airbus 380 landen wir am frühen Abend in Beijing und werden gleich von Mitarbeitern der Galerie Yishu-8 herzlich empfangen. Da Martin schon letztes Jahr an diesem Ort konzertiert hatte, ist es für ihn ein freudiges Wiedersehen.
Die ersten Eindrücke auf der Fahrt in die Stadt bestätigen uns gleich die enorme Dynamik und den rasanten Wandel, für die Beijing bekannt ist: zahlreiche Baustellen und noch mehr vor kurzem fertig gestellte Hochhäuser in teils spektakulärer Architektur, ein Lichtermeer aus Leuchtreklamen und grellbunten Videoscreens und natürlich ein Autoverkehr, der in seiner Dichte und Aggressivität mit vielen westlichen Großstädten mithalten kann.
Um so angenehmer die ruhige und warme Atmosphäre, die uns in der Galerie erwartet, nachdem wir kurz in unserem Hotel eingecheckt haben. In wunderbarer Weise versteht es die Leiterin Christine Cayol, in ihren Räumen eine anregende und gleichzeitig mußevolle Stimmung zu schaffen, bei der sich die Hektik der Stadt vergessen lässt.

Üben in anregender Umgebung: Burkart Zeller in einem Raum der Galerie Yi Shu 8.

Nach einem gemeinsamen Dinner und einer Besprechung der weiteren Pläne mit dem ganzen Team kehren wir in unser Hotel zurück, das wir in fußläufiger Lage zur Galerie gebucht hatten. Hier, wie an vielen weiteren Stellen, ist ein eifriges Bemühen um guten Service zu bemerken, jedoch mangelt es wohl noch an Erfahrung und Selbstverständlichkeit. Dazu tragen dann auch die sehr geringen Fremdsprachkenntnisse selbst an touristischen Orten oder Hotels nicht unbedingt zur einfachen Verständigung bei.  

Ein wohlmeinendes Schild im Bad des Hotelzimmers fordert mit Recht zur Vorsicht beim Ausrutschen auf.


17.03.

Dieser Tag steht ganz im Zeichen eines Workshops am Central Conservatory sowie dringenden Konzertvorbereitungen - mit anderen Worten: Proben! Immerhin haben wir drei Konzerte mit jeweils unterschiedlichen Programmen vor uns.
Los geht es also morgens zum Konservatorium mit zwei Taxen und weiteren Eindrücken von Beijing: einmal quer durch die Stadt über verstopfte Ringe, an Hochhäusern alter und neuer Bauart und an Sehenswürdigkeiten wie der  Verbotenen Stadt vorbei. Die Gebäude des Central Conservatory beeindrucken uns durch ihre Größe und Anzahl und bilden fast schon so etwas wie einen eigenen Campus. Später erfahren wir, dass dort über 200 Kompositionsstudenten eingeschrieben sind. Wir treffen auf viele freundliche und hilfsbereite Menschen und finden so schließlich zu unserem Probenraum. Prof. Guoping Jia erwartet uns schon mit seiner Assistentin Xia Ran. Beide sprechen sehr gut Deutsch, so dass wir unsere Wünsche frei äußern können: Notenständer, Folienprojektor und anderes werden uns zur Verfügung gestellt. Vor allem die äußerst gewissenhafte und stets mitdenkende Xia Ran erweist sich als unschätzbare Hilfe, die immer sofort mit einer guten Idee Abhilfe bei Problemen schafft.
Nach den Proben am Vormittag folgt ab 15.00 Uhr der Workshop, der unsere Erwartungen bei weitem übertrifft, sowohl was die Teilnehmerzahl angeht (über 100 Studenten sind gekommen), als auch die rege aktive Beteiligung. Nach kurzer Zeit melden sich die Studenten unbefangen mit kompetenten Fragen und Kommentaren und verfolgen mit spürbar großem Interesse unsere Ausführungen, die wir wie immer mit zahlreichen von uns vorgetragenen Hörbeispielen verbinden. Auf diese Weise können wir am besten unserem Thema "Neue Spieltechniken in kompositorischen Zusammenhängen" gerecht werden. Mit Helmut Lachenmanns "Pression für einen Cellisten", dem "Klarinettentrio" von Carola Bauckholt, sowie "Presto con fuoco für Flöte und Klavier" von Beat Furrer vergeht die die Zeit so rasch, dass wir den Workshop auf 2 1/2 Stunden ausdehnen müssen, um auf alle Nachfragen und Wünsche der Studenten eingehen zu können.

Studierende umlagern den vielfältig präparierten Flügel und unseren Pianisten Martin von der Heydt.


18.03.

Das erste Konzert in der Galerie steht an und natürlich noch einige Probenarbeit, um die Akustik und den Flügel kennenzulernen.
Um 18.00 stellen wir in einer kurzen Einführung die Werke vor, die an dem Abend gespielt werden. Darüber hinaus erläutern wir die Programmidee, auf verschiedene Art und Weise klassische Werke und zeitgenössische Musik in Beziehung zu setzen:
Zwei Sätze aus der ersten Suite für Violoncello solo von J.S. Bach zeigen die exemplarisch meisterhafte Ausschöpfung der melodisch-harmonischen Möglichkeiten des Instruments. H. Lachenmann verweigert sich dem in seinem Stück "Pression" dagegen fast vollständig  und nähert sich mit zunächst nahezu unhörbaren Bewegungsvorschriften neuen Klangräumen. Zwei Sätze aus der Sonate E-Dur für Flöte und Basso continuo von J.S. Bach runden die Gegenüberstellung ab.
Yasuko Yamaguchi sucht im "Nachtlied" für Klarinette, Cello und Klavier schon im Titel die Nähe zur Romantik, weniger jedoch auf einer formal-musikalischen als auf einer gedanklichen Ebene. Der romantischen Nacht-Thematik bleiben wir im folgenden Stück treu: Maurice Ravels "Gaspard de la Nuit" für Klavier erklingt aber nicht wörtlich in unserem Konzert, sondern in der sehr eigenen und nicht minder virtuosen Neukomposition "De la Nuit" von Salvatore Sciarrino. Für die originale Romantik steht schließlich Robert Schumann mit seinen berühmten "Fantasiestücken op.73 für Klarinette und Klavier".
Dank der hervorragenden Übersetzungen von Xiaoting Li gelingt ein flüssiger und unterhaltsamer Vortrag, den wir wieder durch kleine musikalische Vorführungen bereichern.
Die Leiterin der Galerie, Christine Cayol, erweist sich an dem Abend als geschickte und charmante Gastgeberin. Eine bunte Schar Zuhörer aus unterschiedlichsten Nationen hat sich eingefunden: Künstler, Musiker, Intellektuelle und einige bedeutende Personen des kulturellen oder öffentlichen Lebens. Ein amerikanischer Architekt und Gelegenheitskomponist bewundert an unserem Vortrag "The german vigor". Eine Professorin für Internationales Recht aus Oer-Erkenschwick hat noch nicht so viel Erfahrung mit zeitgenössischer Musik, findet sie aber "interessant" und freut sich noch mehr über heimatliche Töne "aus dem Pott". Auch der deutsche Botschafter S.E. Dr. Michael Schaefer und seine Frau Gundi Krögl-Schaefer zeigen sich von dem Abend begeistert. Die natürliche Frische und Offenheit der beiden führen zu einem lebhaften Gedankenaustausch und ersten Plänen für eine mögliche Zusammenarbeit. Daneben sprechen wir mit vielen chinesischen Zuhörern, für die unser Konzert eine erste Begegnung mit den modernen Klängen darstellt. Wir erfahren bei dieser Gelegenheit zu unserer Überraschung, dass schon die Konzertform der Kammermusik hier sehr ungewöhnlich ist und klassische Musik meistens mit großen Orchestern in großen Sälen stattfindet. Die Intimität und der dadurch enge Kontakt des Publikums zu den vortragenden Künstlern birgt ganz neue und interessante Reize.

Nach dem Konzert: angeregte Unterhaltungen zwischen Künstler und Publikum.


19.03.

Heute sind wir wieder Gast am Central Conservatory - diesmal im großen Konzertsaal. In dem "Women's Tiring Room" spielt ein Technischer Mitarbeiter auf einem Laptop. Wir wagen nicht, ihn zu stören und fragen einen weiteren Mitarbeiter nach geeigneten Stühlen. Immerhin: ordentliche Notenpulte stehen in genügender Anzahl zur Verfügung.
Das Konzert ist wieder sehr gut besucht: über 200 Studenten, Lehrer und weiteres Publikum haben sich eingefunden. Dieses mal spielen wir ausschließlich zeitgenössische Musik. Mit Gordon Kampes Trio "Ripley Musik V für Klarinette, Violoncello und Klavier" eröffnen wir das Programm gleich mit einem spektakulären und eigenwilligen Werk. Die Zuhörer wirken verblüfft, aber interessiert. Helmut Lachenmanns "Pression für einen Cellisten" hatten wir ja schon im Workshop ausführlich vorgestellt. Obwohl das älteste Werk im Programm (von 1969!), erweist es sich immer wieder als radikal, frisch und faszinierend. Beat Furrers "presto con fuoco (1997) für Flöte und Klavier" beschließt den ersten Teil.
Die Pause gibt Gelegenheit zur aufwändigen Klavierpräparation, die für Carola Bauckholts "Klarinettentrio (1993) für Klarinette, Violoncello und Klavier" notwendig ist. Ein Werk voller Charme und Witz, gleichwohl mit einem feinen Gefühl für Balance und Form, stimmungsvoll und mit gedanklicher Tiefe folgt: Charlotte Seithers Trio "Far From Distance (2008) für Klarinette, Violoncello und Klavier", und schließlich spielen wir noch ein Quartett, das wir auf unserem Gastspiel 2009 in Seoul uraufgeführt haben: Kim Ji-Hyang: "Moiré (2009) für Flöte, Klarinette, Violoncello und Klavier".
Nach dem Konzert nutzen wieder zahlreiche Zuhörer die Gelegenheit, mit uns über die aufgeführten Werke und zeitgenössische Musik allgemein zu sprechen. Prof. Guoping Jia erweist sich als sehr erfreut über unser Konzert und das Programm und betont, dass dieses für die meisten Studenten eine seltene und sehr wichtige Gelegenheit ist, neue Musik kennenzulernen.
Beim anschließenden gemeinsamen Abendessen treffen wir auf weitere interessante Musiker, Komponisten und uns bis dahin unbekannte, aber sehr schmackhafte Speisen.

Garderobe und Konzertsaal im Central Conservatory. Ledersofas und Flachbildschirme.


20.03.

Das dritte und abschließende Konzert in Beijing findet dann wieder in der Galerie Yishu-8 statt. Mit uns auf der Bühne während der Einführung und im Konzert zwei Gastmusiker: Bruce Gremo (Shakuhachi) und Wu Na (Guqin).
Dem Thema "From East To West" entsprechend geht es vorwiegend um Einflüsse asiatischer Musiktradition auf westliche Komponisten.
Dass die berühmte Virtuosin Wu Na für eine Performance in der Einführung zur Verfügung steht, erweist sich als echter Glücksfall. Nicht nur das Publikum, auch die Musiker des Ensembles sind beeindruckt von den vielen klanglichen Möglichkeiten des über 2000 Jahre alten Saiteninstruments und der überragenden Künstlerpersönlichkeit Wu Na.
Zu einer spontanen kleinen Improvisations-Session kommt es während des Vortrags Bruce Gremos über die Geschichte und Spieltraditionen der japanischen Bambusflöte Shakuhachi. Der in Beijing heimisch gewordenene Amerikaner fordert unsere Flötistin Evelin Degen auf, mit ihm zusammen im Duett ungewöhnliche Spieltechniken zu demonstrieren. Es zeigt sich: auf dem Shakuhachi sind es alte traditionelle Spielweisen, auf der Querflöte gelten sie als neu und avanciert: Luftgeräusche, Glissandi, Viertelton-Tremoli und einiges mehr.
Wie schon am 18.03. signalisiert das kurze Klarinetten-Solo "Netori" von Akemi Kobayashi , das Joachim Striepens mitten im Publikum spielt ("Netori" stimmt übrigens auch in der alten japanischen Tradition auf die bevorstehende Musik ein!), den Beginn des Konzertes.
Dieses eröffnen wir dann mit einem der ersten europäischen Komponisten, die sich von asiatischer Musik haben inspirieren lassen: Claude Debussy mit seiner "Première Rhapsodie für Klarinette und Klavier".
In zwei Gruppen aufgeteilt präsentieren wir als Einschübe zwischen anderen Beiträgen die von japanischen Haikus angeregten Duos aus "Lo Shu IV" für Flöte und Violoncello von Hans Zender.
Von Guoping Jia spielen Evelin Degen und Martin von der Heydt das Duo “Schweben über grenzlosem Feld”, das von Gedanken Tschuangtses zur Ästhetik, von östlichem Zeitempfinden und Klängen alter Blasinstrumente Einflüsse aufnimmt. Trotz moderner westlicher Instrumente und kompositorischer Ansätze und Techniken der neuen Musik ein Werk, wie es von einem europäischen Komponisten schwer vorstellbar wäre! Bekanntlich war auch Bertold Brecht von östlicher Philosophie und Literatur stark beeindruckt. Sidney Corbett nimmt sein Gedicht "Im Angesicht des Zweiflers", das von einem chinesischen Wandteppich angeregt wurde, als Ausgangspunkt zu einem zart schwingenden, gleichnamigen Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier, mit dem wir unser Konzert und auch das 1. Internationale Kammermusik Festival: "Music Beyond the Moongate" beschließen.
Während unseres Aufenthaltes in Beijing, soviel können wir nun festhalten, sind wir zahlreichen interessanten Menschen begegnet, Persönlichkeiten, die aus unterschiedlichsten Gründen in dieser Metropole leben oder zu Besuch sind. Künstler und Musiker, Arbeiter und Akademiker, Einheimische und Ausländer. Wir haben viel von ihnen gelernt und konnten, so ist unser Eindruck, auch viel von unserer Kultur und unserer Begeisterung für die  zeitgenössische Musik vermitteln.
Aus dem Internet erfahren wir über das chinesische "Jahr des Hasen":
"Das Jahr 2011 steht laut dem chinesischen Horoskop im Zeichen des Hasen. Es soll ein ruhiges Jahr mit vielen Kontaktmöglichkeiten werden."
Ruhig war es bisher nun wirklich nicht, aber neue Kontakte konnten wir schon viele knüpfen!

Auf dem Weg zur Galerie Yi Shu 8 verheißt der Hase Ruhe und viele schöne Begegnungen.